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Manuel Cerda
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Luka Fineisen
"Suprafluid" 17. Januar bis 7. März 2009, Galerie K4 "Never change a running system" - so lautet der Titel von Luka Fineisens Installation aus einer in regelmäßigen Abständen vor sich hin schnurrenden Apparatur, die durch gleichmäßiges Absaugen und Zuführen einen absurden Kreislauf erzeugt. Die in sich ruhende Ausgewogenheit wird jedoch gestört durch die Erwartung des Betrachters, der jeden Moment mit einer Unterbrechung des Kreislaufs oder gar einer explosiven Gefahr rechnet. Explodiert ist dagegen der Inhalt des Lederportemonnaies in der Vitrine. Hervorquellend und überlaufend mit Spritzern an der Vitrinenscheibe verteilt sich die Masse im kleinen Raum. Die bedrohlich wirkende, aus den Rudern laufende Situation wird hier noch in Schach gehalten, und kann mit Distanz wahrgenommen werden. Anders verhält es sich jedoch bei der ungebremsten, schwer von der Decke hängenden, tropfenartigen Masse - einer Metapher für Überfluss und Unersättlichkeit im Allgemeinen, an der wir ertrinken und ersticken könnten, ähnlich der kleinen "Milchmarie", die gefangen in ihrer Zelle von Buttermilch überflutet wird. "Es geht immer um Balance und um den Moment kurz vor oder bei einer Grenzüberschreitung" sagt Luka Fineisen selbst über ihre künstlerischen Arbeiten. Sie konfrontiert Flüchtigkeit mit Dauerhaftigkeit, impliziert technisch Laborhaftem wie selbstverständlich das Poesievolle und lässt den Betrachter im Unklaren ob flüssig oder fest, weich oder hart. Wie ein Strudel zieht Luka Fineisen alles in die Welt ihrer Sinnlichkeiten, so auch das Umfeld ihrer temporären Atelierräume auf dem Gelände des Stahlgießwerks der Hüttenwerke Krupp-Mannesmann (HKM). Inspiriert vom Material Stahl reflektierte sie bereits in Zeichnungen den Übergang eines in seiner ursprünglichen Form warmen, weichen und lebendig wirkenden Rohstoffs in einen erstarrten und kalten Zustand. Der in der Auseinandersetzung mit Architektur geborene, nicht realisierbare Wunsch, ein komplettes Gebäude einzuschmelzen, war die Grundlage für ihre aktuellen Objekte. Goldene Modelle von Häusern, zart und doch schwer und stark anmutend, zerfließen, zerschmelzen und reduzieren sich auf den Kern ihrer Substanz. Und wie so oft bei Luka Fineisens Arbeiten die Schönheit an einem seidenen Faden hängt und zwischen den Polen Realität und Wahrnehmung wankt, steht auch hier die auf das aktuelle Zeitgeschehen übertragbare, tragikomische Ebene einer edlen Ästhetik gegenüber. Luka Fineisen Gespräch zwischen Luka Fineisen und Ulrike Groos (Direktorin Kunsthalle Düsseldorf) Düsseldorf, Juli 2007 Ulrike Groos: Luka, Deine Arbeiten beschäftigen sich mit zentralen Bildhauerei-Themen - Material, seinen Oberflächen und seinen Ausdruckmöglichkeiten. Wesentliche Merkmale in Deinen Werken sind, vor dem Hintergrund der Wandlungsfähigkeit von Stoffen, Momente des Prozesshaften und Ephemeren, denen gerade im 20. Jahrhundert Künstler nachgingen. So bestehen einige Deiner Arbeiten aus veränderlichen Materialien wie Schaum, Eis, Milch und Honig, andere fertigst Du aus Gießharz, Gummi, Polyester und anderen Kunststoffen an. Kannst Du rückblickend anhand Deines beruflichen Werdegangs erläutern, wie es zur Wahl Deiner Materialien und zur Ausbildung Deiner Themen kam? Wer waren wichtige Lehrer, was waren wesentliche Einflüsse von anderer Seite? Luka Fineisen: Als ich 1999 nach Düsseldorf kam, symbolisierte das Studium an der Kunstakademie für mich eine große Leichtigkeit. Alles war möglich, und ich fühlte mich losgelöst von Erwartungen. Das Klima war geprägt von Offenheit und der ständigen Möglichkeit zu Bewegung und Veränderung. Vielleicht spiegelt sich das bis heute in meinen Arbeiten wieder. Sämtliche Materialien, die mir unterkamen, wurden benutzt und von mir auf ihre physikalischen und inhaltlichen Grenzen getestet. Manche offenbarten dabei ein großes Potential. Dazu kamen Einflüsse von Personen wie Fritz Schwegler, der einem immer Nahe legte, in die Dinge einfach zu vertrauen, die "da so anklopfen". Das habe ich sonst nie mehr so direkt vorgelebt bekommen, diesen sehr unprätentiösen Weg mit "Eingebungen" umzugehen, losgelöst von einen umgebenden Moden, Strömungen - und eben auch von Material-Traditionen. Oder Gespräche mit Jannis Kounellis, welcher viel Wert auf das Pure und Lebende in einer Arbeit legte. Auf der Biennale in Venedig 1999 sah ich einmal eine Installation von Ann Hamilton, an die ich mich noch gut erinnere. In ihrem Raum rieselte pinkes Pigment, durch die Schritte der Besucher verteilt, fand man es am Rand der Regenpfützen auf dem ganzen Gelände wieder. Das war wahrscheinlich ungeplant, aber gerade diese "Infektion" und Vereinnahmung der Umgebung beeindruckte mich. Und natürlich finde ich meine Sinnlichkeiten auch wieder in den Arbeiten von Matthew Barney - die dort allerdings in einen anderen Fokus eingebunden sind. Mich beschäftigten besonders die Stoffe, welche durch meine Eingriffe und Setzungen etwas Neues werden können, die einen zurücklassen, bzw. mitnehmen zu einem Eindruck, welchen man so direkt nicht mehr zuordnen kann. Ulrike Groos: Ich möchte noch spezifischer auf den Moment des Prozesshaften in Deinen Arbeiten zu sprechen kommen. Die Verwendung von Materialien wie Seifenlauge, Schaum oder Eis führt bei Dir zu einer kalkuliert-unkalkulierbaren Arbeitsweise. Das Kalkulierte zeigt sich dabei in der Vorbereitung und dem Aufbau all der notwendigen technischen Apparate wie Kühlaggregate, Gebläse, Schläuche, die als wichtiger Bestandteil Deiner Werke auffällig im Raum stehen. Das Unkalkulierbare beginnt mit dem Anschalten der Apparate, die das Material zur Ausbreitung und Wucherung aktivieren. Die dann entstehenden minimalistischen, organisch-lebendig wachsenden Formen sind von Dir nur bis zu einem gewissen Punkt planbar und vorhersehbar. Wie und wie sehr beeinflusst Du dennoch die Form Deiner Arbeiten, d.h. wie stark kannst Du in ihre Veränderung eingreifen, und wann lässt Du dem unkontrollierten Moment freien Lauf? Und damit verbunden die Frage: Wann ist für Dich solch eine prozesshafte Arbeit "fertig", also abgeschlossen? Luka Fineisen: Natürlich lerne ich bei vorangehenden Versuchen ein Material mit seinen Möglichkeiten genau kennen und kann dementsprechend gewisse Ergebnisse steuern. In diesem Rahmen finde ich die Grauzonen, den Punkt, wann die Arbeiten ein Eigenleben entwickeln und wo ich mir nie sicher sein kann, was genau wachsen und passieren wird. Ich bin neugierig darauf, gebe den Möglichkeiten Raum und lasse mich beschenken. Eine wuchernde Masse bekommt erst durch Grenzen, die sie übertreten könnte, ihre Kraft. Ich spüre den Moment auf, wann und wo die Arbeit durch Kontrolle am meisten Stärke aufweisen wird und setze klare Schnitte. Und genau da wird es für mich spannend: Wenn das Ganze anfängt, ins Unkontrollierte zu kippen. Diesen Punkt würde ich manchmal gerne mehr ausreizen, aber oft sind meine Prozesswünsche technisch oder aus Sicherheitsgründen in einer Ausstellung nicht mehr machbar. Deshalb habe ich zusätzlich angefangen, architektonische modellartige Skulpturen zu bauen, bei denen mir keine Grenzen mehr gesetzt sind und welche einen außer Kontrolle gehaltenen Aspekt mit einer Selbstverständlichkeit festhalten. Da ist es dann möglich, ganze Eingangshallen mit Honig - oder honigfarbenem Gießharz - zu fluten, Hefeteig quellen zu lassen, bis er aus den Öffnungen eines Gebäudes nach außen quillt, Wände zu schmelzen, etc. Eine prozesshafte Installation ist für mich nie abgeschlossen, aber ab dann zeigbar, wenn der Kreislauf sowohl technisch als auch inhaltlich funktioniert und dabei meine Erwartungen erfüllt. Sehr gerne würde ich eine Eisarbeit einmal über mindestens ein Jahr installieren um die Intensität des Langzeitwachstums zu erhalten. Ulrike Groos: Der Raum, in dem Du Deine Arbeiten realisierst, spielt insofern eine wesentliche Rolle, als insbesondere das Tageslicht als gestaltendes und formendes Mittel die Arbeiten oft erst richtig zur Geltung bringt, sie leuchten lässt oder der reduzierten Farbigkeit des Materials eine verblüffende Farbenvielfalt verleiht. Wie näherst Du Dich einem Raum an? Was prüfst Du an Ausstellungsräumen zuallererst? Luka Fineisen: Ein Raum ist für mich zuallererst ein Behälter, der Grenzen setzt. Dieser soll atmosphärisch eingefärbt und mit Sinnlichkeit gefüllt werden. Das kann sowohl subtil als auch ganz dramatisch geschehen. Ist ein Raum nüchtern und klar, haben meine "lebenden Materialien" den perfekten Nährboden. Ich finde es wichtig und fruchtbar, mit dem Raum und nicht gegen die Gegebenheiten zu arbeiten. Auffälligkeiten oder vorgegebene Dynamiken in der Architektur werden soweit möglich genutzt, verstärkt oder manipuliert, um dann zur "Gesamtinfektion" beizutragen. Das gegebene Tageslicht ziehe ich dabei immer als Quelle in Erwägung. Ulrike Groos: Die Frage nach der Schönheit in der Kunst fiel in diesem Kunstsommer-Jahr besonders häufig, u.a. im Zusammenhang mit der documenta 12. Deine Arbeiten besitzen eine ganz eigene Ästhetik, die sich still und leise äußert, dabei zerbrechlich erscheint. Wie wichtig ist Dir in Deinem Verständnis von Skulptur der Begriff von Schönheit? Gibt es Arbeiten, bei denen ganz andere Aspekte, des Hässlichen oder Bedrohlichen beispielsweise, hervortreten? Luka Fineisen: Es ist das Spannungsfeld dazwischen, welches meinen Arbeiten Kraft gibt. Es geht immer um Balance. Etwa benutze ich bei einer schleimigen oder glitschigen Materialkonsistenz kühl-sterile oder appetitliche Farbigkeiten, um beide Seiten auszugleichen. Die Arbeiten bewegen sich zwischen Flüchtigkeit und Dauerhaftigkeit, Opulenz und Askese, zwischen flüssig und fest, weich-hart oder Transparenz und Undurchlässigkeit. Wissenschaftliche Herangehensweisen stehen direkt neben der Poesie einer Arbeit, brutale Setzungen neben Lieblichkeit - und eben auch Schönheit neben dem Bedrohlichen. Eine Seite stützt die andere. Wenn eine auf den ersten Blick sehr ästhetische Arbeit den Aspekt entwickelt, den Raum völlig einzunehmen, zu ersticken oder zu infizieren, öffnet sich der Horizont. Und auf eine gewisse Weise hängt die Schönheit meiner Installationen ja auch immer am seidenen Faden. Die Zellophanarbeiten z.B. vermitteln vielleicht einen sehr präsenten Eindruck, sind aber dann doch eben nur aus Folie und extrem vergänglich. Eine wunderbar gewachsene, steinharte Eiszunge würde beim Ziehen des Steckers in wenigen Minuten zu schmelzen beginnen und Schaumberge zu unscheinbaren Resten zusammenfallen. Insgesamt finde ich, dass zu viel Angst vor Schönheit herrscht in der Kunst und ich genieße genau diesen Aspekt in meinen Arbeiten sehr. Ulrike Groos: Die Titel Deiner Arbeiten sind Dir sehr wichtig und werden deshalb sorgfältig ausgewählt. Worin liegt ihre Bedeutung für Dich? Luka Fineisen: Die Bedeutung von Titeln liegt für mich wieder im Hinblick auf Balance in der Verstärkung oder im Bruch. Ein Titel kann so eine Kraft entwickeln, dass er fester Bestandteil einer Arbeit wird, z.B. wenn ich eine Gruppe sehr filigran erscheinender Kunststoffblasen "phlegräisches Feld" (Vulkanisches Feld mit unterirdischen Gasansammlungen und Hitze etc...) nenne, und damit ein Gegengewicht und eine Erweiterung schaffe. Ich nehme mir aber die Freiheit, einen bestehenden Titel auch wieder zu ändern. Luka Fineisen 20. Mai bis 8. Juli 2006, Galerie K4 Schaumblasen am Schaufenster der Galerie K4 - die Brut eines wuchernden Werkstoffprozesses der Künstlerin Luka Fineisen (1974). Ein plastisches Volumen, geboren aus einer laborähnlichen Anordnung mit dem Einsatz technischer Apparate, nimmt in der Konsequenz des Funktionierens den Raum für sich ein. Die Arbeiten beeindrucken durch ihre scheinbare Belebtheit, ihre feine Struktur und anmutende Ästhetik. Im Spiel mit künstlichen sowie natürlichen Materialien wie Polyester, Schaumstoff, Zellophan oder Eis lässt Luka Fineisen neben veränderlichen, wachsenden auch statische Kunstwerke entstehen. Zurückhaltend und ausgewogen in Form und Material strahlen ihre Skulpturen Leichtigkeit aus. Zeichnungen zu Versuchsanordnungen und Installationen gewähren intime Einblicke in den künstlerischen Schaffensprozess. Daneben offenbart sich ein reichhaltiges Repertoire spontaner, anekdotenhafter Darstellungen, welche spielerisch figurative und abstrakte Elemente verbinden. Die Künstlerin sucht Zustände zwischen dem Flüssigen und Festen, dem Geschmeidigen und Zähen, zwischen Flüchtigkeit und Dauer bildnerisch zu formulieren. Dabei geht es nicht nur um die physikalischen, sondern auch sozialen oder metaphorischen Qualitäten eines Materials. Die Einfachheit der Stoffe und die meist kühle Farbigkeit von Fineisens Werken offenbaren trotz einer gewissen Kargheit eine enorme Sinnlichkeit. |